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Es ist: 20.06.2024, 16:37


[Prolog] Flucht ins Ungewisse
#1
Prolog
Flucht ins Ungewisse

Hanyas Tragödie...
Zwei Wochen waren es gewesen, die sie alle für sich gebraucht hatten. Zwei Wochen, in denen zumindest äußerliche Wunden langsam hatten heilen können. Doch es war absehbar gewesen, dass die Ruhe und der seltsame Alltag in Magdalenas Haus früher oder später ein Ende haben musste. Dank der Hilfe der fremden Katori war zumindest die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten etwas verbessert geworden, doch die Lethargie war allmählich immer mehr einer unangenehmen inneren Unruhe gewichen, die jedem einzelnen von ihnen klar und deutlich sagte, dass sie hier nicht langfristig bleiben konnten. Am 01.04.1953 wurden die ersten Fluchtpläne laut. Sie mussten raus aus Hanya, raus aus Angen. Doch neben zu vielen Dingen, die sie zu beachten und zu berücksichtigen hatten, war auch unklar, wie es danach weitergehen sollte. Was, wenn sie es wirklich in die United States schaffen würden? Konnten sie sicher sein, dass man dort nicht auch schon längst nach ihnen suchte?

Der erste Tag des Planens hatte in Unzufriedenheit geendet. Ihr Vorhaben war gewaltig und nachdem, was hinter ihnen lag, fühlten sich die Katori mit einem unüberwindbaren Hindernis konfrontiert. Die Hoffnung, ungesehen über die Grenze zu kommen, fühlte sich trügerisch und falsch an, doch sie wussten alle, dass sie keine andere Wahl hatten, als es irgendwie zu versuchen.
Einen Tag später allerdings, am 02.04.1953, änderte sich etwas, was ihre Chancen möglicherweise erhöhte. Heidi, die Dohle, die ihnen an der Seite des Soldaten und Katori Jonathan Parker zur Flucht verholfen hatte, tauchte unverhofft an ihrem Unterschlupf auf und bestätigte somit auch, dass ihr Partner und sie in jener Nacht vor rund 11 Tagen ebenfalls hatten entkommen können. Sie berichtete, dass Jon und sie Angen mittlerweile verlassen hätten und dank der Hilfe eines Freundes untergetaucht waren. In Angen war es noch immer höchste Priorität, die Geflohenen aufzugreifen – es war also keine Option, zu bleiben. Bislang hatte man die Fahndung zudem noch nicht auf das Nachbarland ausgeweitet, doch es war vermutlich nur noch eine Frage der Zeit. Wenn sie das Land also verlassen wollten, sollten sie sich beeilen. Jon und sie würden ihnen helfen und alles vorbereiten, damit auch sie in den USA untertauchen konnten. Die Dohle kündigte ihre Rückkehr für den Nachmittag des nächsten Tages an. Bis dahin sollten sie ihre Sachen gepackt und bereit für den Aufbruch sein, sollten sie ihre Hilfe annehmen wollen.
So schwer es der Gruppe auch fiel, Vertrauen zu haben – sie hatten keine Wahl und Jon – so fair mussten sie sein – war in einer ähnlich auswegslosen Situation wie sie selbst. Als ehemaliger Soldat Hanyas kannte er die Abläufe und Grenzposten. Er und seine Partnerin waren wertvolle Verbündete, deren Hilfe sie unmöglich ausschlagen sollten. Somit packten sie abermals das Wichtigste zusammen und warteten auf die Rückkehr der Dohle. An diesem Abend würde es um alles oder nichts gehen. Sie wussten alle, was sie erwartete, wenn sie aufgegriffen wurden, doch keiner wagte es, darüber zu reden. Als Heidi in den frühen Mittagsstunden zurückkam, wusste keiner der Katori, dass sie nicht alleine war, doch ihre Begleitung hielt sich dematerialisiert im Hintergrund, während sie den Plan durchgingen und Heidi der Gruppe auf einer Karte die wichtigen Punkte zeigte, die die Tiere im Blick behalten mussten, wenn sie erfolgreich sein wollten. An einem Punkt hatte wohl ein Tier einen Tunnel unter dem Zaun hindurchgegraben, der ihnen als Fluchtweg dienen sollte. Er war, wenn alles nach Plan lief, weit genug von an angrenzenden Wachposten entfernt.
Zur Sicherheit hatten sich die, die das Land ohne Probleme verlassen konnten, eine Ablenkung überlegt, die das Militär hoffentlich zusätzlich beschäftigen würde, während Aaren Jane, Anahiel, Keylam, Dalvin und Anthony in Begleitung ihrer Seelentiere und Heidi an einen Punkt in den Wäldern Hanyas brachte, von dem aus sie zu Fuß weitermussten. In der Dämmerung erreichten sie schließlich die Stelle, die Heidi angesprochen hatte und schafften es dank der wachsamen Augen ihrer Partner, unbeobachtet gemeinsam unter dem Zaun hindurch. Mit der Angst im Rücken, dass sie unmöglich so viel Glück haben konnten, liefen sie bis in die Morgenstunden des 04.04.1953 durch, ohne sich eine Pause zu gönnen. Besonders Jane, die noch immer mit allem zu kämpfen hatte, und Dalvin, dessen Schussverletzung längst nicht auf einen Halbtagesmarsch vorbereitet gewesen war, kämpften mit den Bedingungen, doch die Aussicht auf Erfolg trieb sie weiter, bis sie schließlich ganz in der Nähe des der kleinen Stadt herauskamen, von der aus auch der Zug nach Hanya abfuhr. Als sich die ersten Sonnenstrahlen am Horizont abzeichneten, entschieden sie sich schließlich doch für eine Pause und Heidi nutzte den Moment, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie seit ihrem Aufbruch von einem weiteren Seelentier begleitet worden waren, in dessen Obhut sie sie nun übergeben würde. Miali, eine Rotfüchsin, sei die Partnerin des Freundes, dessen Hilfe sie in Anspruch nahmen. Sie würde sie auf ihrer weiteren Reise in Sicherheit begleiten.

Miali stellte sich als recht zurückhaltende aber durchdachte Füchsin heraus, die sich bemühte, die Fragen der kleinen Gruppe oberflächlich zu beantworten, während sie sie für alles weitere auf den Moment vertrösten musste, an dem ihr Partner sie in Empfang nehmen würde. Nach der kurzen Rast führte sie die Füchsin zu einem verscharrten Koffer, den ihr Partner für sie vorbereitet hatte. Überrascht hielt schließlich jeder von ihnen neue Ausweisdokumente in den Händen, die ihnen einen Neuanfang versprachen. Passend dazu waren fünf Tickets für eine Zugreise nach Inebury beigelegt sowie eine passende Land- und Stadtkarte. Der erste Zug würde sie am frühen Vormittag direkt vom Bahnhof der hiesigen Stadt aus nach New York bringen. Dank der Seelentiere hatten sie Kontakt zu den übrigen ihrer Gruppe, die ebenfalls die Reise hinaus aus Hanya angetreten waren, um mit frischer Kleidung und Nahrungsmitteln im Gebäck zu den anderen aufzuschließen. Nach einer recht schweigsamen Frühstückspause offenbaren schließlich Aaren und Keylam, dass sie es vorziehen würden, zuerst Hilfe für Jane zu suchen, ehe sie aufschließen würden. Auch Effy schloss sich ihnen an, während Reylan entschlossen war, ihrem Bruder Dalvin nicht von der Seite zu weichen. Mit einem flauen Gefühl im Magen, aber neuer Hoffnung im Gepäck trennt sich die Gruppe schließlich für den Moment und nur wenige Stunden später sitzen Anahiel, Anthony, Dalvin und Reylan tatsächlich im Zug gen Norden, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ohne Zwischenfälle kommen sie in den vorangeschrittenen Abendstunden des 04.04.1953 in New York an, von wo aus sie der Nachtzug gegen 23 Uhr über die Grenze nach Kanada bringen sollte. Eine weitere Grenze, die sie überwinden mussten, ohne aufzufallen, bis sie hoffentlich endlich etwas zur Ruhe kommen konnten. Sie waren mittlerweile seit gut 36h auf den Beinen.

Währenddessen...
Die meisten anderen wohl, die an diesem Abend auf den Nachtzug nach Montreal warteten, hatten weitaus weniger aufreibende Gründe. Für die einen ging es zurück nach einer Geschäftsreise zurück in die Heimat. Andere brachen vielleicht gerade erst dazu auf oder kehrten von einem Familienbesuch zurück nach Kanada. Fakt war jedenfalls, dass die nächtliche Reise angenehmer war, als tagsüber so viele Stunden im Zug zu verbringen. Meistens war es still, die Sitze bequem genug, um zu schlafen und am nächsten Morgen schließlich ausgeschlafen an seinem Ziel anzukommen.
Inzwischen prasselte der Regen monoton auf das Dach des großen, weitläufigen Bahnhofs, der in Anbetracht der Uhrzeit eigenartig leer wirkte. Der Wind zog ein wenig an den Fenstern des Gebäudes, doch das fiel den wenigsten Reisenden auf. In der Vorhalle hatten noch ein paar der Läden geöffnet. Ein kleiner Kiosk lud dazu ein, sich noch eine neue Lektüre zu beschaffen, während man daneben Getränke und Essen erstehen konnte. In der Haupthalle warteten Menschen an den verschiedenen Gleisen und Personenzüge stießen Dampf aus, ehe sie ratternd hinaus in die Nacht fuhren. Rund eine Stunde noch dauerte es, bis der Zug nach Montreal abfahren würde, doch er wartete bereits in der Halle und bot die Möglichkeit, es sich auf seinen Plätzen bequem zu machen und dem Bordbistro einen Besuch abzustatten.

Ort: Bahnhof in New York – Nachtzug von New York nach Montreal
Datum: 04.04.1953, seit der Flucht sind 13 Tage vergangen
Zeit: Späte Abendstunden
Wetter: Gegen Abend setzten nach einem halbwegs sonnigen Tag immer häufiger Regenschauer ein, mäßiger Wind


Shortfacts
x am 02.04.1953 taucht Heidi erstmals auf und bietet Jons und ihre Hilfe an
x am 03.04.1953 bricht die Gruppe um Jane, Anahiel, Keylam, Dalvin und Anthony gemeinsam mit Aaren am Nachmittag Richtung Grenze auf
x ab einem gewissen Punkt müssen sie zu Fuß weiter, Aaren kehrt nach Hanya zurück
x innerhalb Hanyas sorgen die übrigen Katori für Ablenkung
x in der Dämmerung erreichen sie einen von einem Tier gegrabenen Tunnel, der unter dem Zaun durchführt
x in den frühen Morgenstunden erreichen sie ungesehen die nächste Stadt auf Seiten der USA
x Heidi verabschiedet sich und gibt die Gruppe in die Obhut von Miali, einer Rotfüchsin
x Miali führt sie zu einem verscharrten Koffer, in dem sie Zugtickets, neue Ausweise und Karten finden
x Reylan, Aaren und Effi können dank der Seelentiere zu ihnen aufschließen
x Keylam und Aaren entscheiden, zuerst Hilfe für Jane zu suchen und trennen sich mit Effy von der restlichen Gruppe
x am Vormittag des 04.04.1953 brechen Anahiel, Reylan, Dalvin und Anthony mit dem Zug auf Richtung New York und kommen dort in den Abendstunden an
x der Nachtzug fährt gegen 23 Uhr von New York aus Richtung Montreal, Kanada
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#2
Dalvins Blick war nach vorn gerichtet, mehr unterbewusst beobachtete er die wenigen Menschen, die zu dieser Zeit unterwegs waren. Sein Verstand war so endlos müde, genau wie sein von Schmerzen geplagter Körper. Sie mussten nur noch ein wenig durchhalten. Bald konnte sie das leise Ratten des Zuges wieder ein wenig ablenken, vielleicht dafür sorgen, dass sie die Augen schließen konnten um an einem Ort aufzuwachen, an dem sie vielleicht zur Ruhe kommen konnten. Durchatmen, bevor sie Pläne schmieden mussten, wie es weiter gehen würde.
Wie es weitergehen würde. Ganz automatisch senkte sich der Blick des Dunkelhaarigen auf seine Hand, auf den Ring, der sich gleichzeitig eiskalt und glühend heiß anfühlte. Sie waren auf der Flucht. Und für ihn galt ein ‚schon wieder‘. Diesmal nicht vor sich selbst, aber das Gefühl war ähnlich. Vorsichtig, als könne er etwas kaputt machen, strich er über das Metall, ehe er sich mit der selben Hand und einer müden Bewegung über die Augen fuhr, wandte seine Aufmerksamkeit damit zu Anahiel herum, die nicht weniger müde aussah. Umso mehr hoffte er, dass auch sie bald etwas Ruhe finden würde. Das nagende Gefühl, dass er und Anthony Schuld daran waren, dass sie hier war, schluckte der Ire in diesem Moment herunter. Sie hatten andere Sorgen und jetzt mussten sie das Beste aus dem machen, was sie hatten. Aber auch, wenn er die kurze Stille genossen hatte, die zwischen ihnen gelegen hatte, wollte er doch versuchen, sich wach zu halten. Und vielleicht konnten sie sich gegenseitig ein wenig ablenken.

„Wart ihr schon Mal in Kanada?“

Dalvin griff nach einer Flasche Wasser, die neben ihm auf der Bank stand. Er konnte zwar nur die Frau direkt mit leider Stimme ansprechen, aber Yriho bezog er genauso ein. Bei der Füchsin, die sie begleitete, stellte sich diese Frage nicht wirklich. Und der Kampfadler hatte vermutlich weniger Probleme mit diesem Zustand als eine gewisse, ziemlich dickköpfige Wölfin, die gerade mit ihrem Liebsten den Bahnhof unsicher machte. Sie war fest entschlossen gewesen, Anthony nicht allein gehen zu lassen. Und nach einer kurzen Diskussion mit dem Lockenkopf, die von ihrer Unzufriedenheit gezeugt hatte (und Dalvin ein müdes Lächeln entlockte), hatte sie sich auch dematerialisiert. Sie wusste um die Sicherheit dieser Form, um die Notwendigkeit, die in nächster Zeit lieber öfter zu nutzen. Aber es war eben auch deutlich schwieriger, die Ohren und den Bauch gekrault zu bekommen. Etwas, was auf der Waage der Wölfin sehr schwer wog. Socken ließen sich so immerhin auch deutlich schwieriger transportieren. Da hatte ihr wehleidiger Blick in seine Richtung auch nichts gebracht. Es war eine besondere Situation – und sie alle mussten sich irgendwie anpassen, um aus dieser Sache heraus zu kommen. Und wenn es nach ihm ging, konnten sie ihm auch noch in den zweiten Fuß schießen und er würde weiter laufen.
Der Ire gönnte sich einen Schluck aus der Flasche, ließ den blauen Blick dann noch einmal über die Umgebung schweifen. Er wurde dieses Gefühl, verfolgt zu werden, nicht los und er befürchtete, dass sich das die nächste Zeit auch nicht wirklich ändern würde. Viel mehr kam ihm nicht über die Lippen, er war zu müde, zu sehr in Gedanken vertieft. Er hatte überlegt, es seiner Schwester gleich zu tun. Reylan hatte sich mit dem Gepäck in den Zug zurück gezogen, schlief sich hoffentlich aus. Ihr Schutz stand für den Iren mit an höchster Stelle… und noch immer wünschte er sich, sie wäre in Sicherheit. In Irland, irgendwo, wo man sie nicht vielleicht auch dafür suchen würde, dass sie mit einem gesuchten Mörder unterwegs und sogar verwandt war. Aber er hatte diese Zweifel, diese Sorge, ihr gegenüber nicht ausgesprochen. Vermutlich hätte man ihn dann über die kanadische Grenze schleppen müssen. Ein stilles Lächeln huschte bei diesem Gedanken über die Lippen des Mannes, ehe er den hellen Blick wieder zu Anahiel herum wandte und ihr mit fragendem Blick die Flasche Wasser entgegen hielt.

[Bahnhof | Anahiel, Yriho (d), Miali (d)]

Jadiya wusste, wieso Anthony so darauf bestanden hatte, dass sie nicht zu sehen war. Aber sie konnte auch nicht aus ihrer Haut, wobei der Lockenkopf wohl genug darum wusste, wie wenig ansprechend sie diesen Zustand fand. Aber er hatte ja nicht lang diskutieren müssen, ehe die Wölfin sich mit einem unzufriedenen Brummen an sein Bein gedrückt und schließlich verschwunden war. Wenigstens hatte sie im Zugabteil schon eine Ecke ausmachen können, in die sie sich vielleicht materialisiert zurück ziehen konnte. Versteckt vor neugierigen Augen, um wenigstens etwas entspannt schlafen zu können. Jetzt trottete sie erst einmal dematerialisiert eng neben Anthony her, ließ den Blick dabei immer wieder aufmerksam umher schweifen.

„Die Umstände sind nicht die Besten, aber… kannst du dich irgendwie ein wenig auf Kanada freuen?“

Die Stimme der Fähe war leise, mehr ein Flüstern nur für den Lockenkopf. Sie wusste, dass sie alle es lieber anders gehabt hätten, aber… vielleicht hielt dieses Land etwas Besonderes für sie bereit. Ein Licht am Ende all dieser Dunkelheit, die man ihnen allen anmerkte. Die Wölfin hoffte es, wünschte sie sich doch selbst ein Leben zurück, in dem sie sich nicht jeden Tag wie die Beute fühlen mussten, die sich vor dem Jäger versteckten.


[(d) | Bahnhof | Anthony]
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#3
Als wären sie heute nicht schon genug gelaufen. Doch der Marsch durch die Wälder Hanyas kam ihm ewig weit weg vor. Sie waren immer noch auf der Flucht vor einem Feind, den sie nicht sehen konnten. Wie gehetzte Tiere waren sie von Zug zu Zug geeilt und hatten sich in einem der Abteile verschanzt, hoffend, dass man sie in Ruhe ließ. Anthony traute dieser Ruhe nicht. Alles in ihm wehrte sich dagegen, zu glauben, dass sie wirklich dermaßen viel Glück hatten, dass sie es unbemerkt bis hierher geschafft hatten. Irgendwo mussten sie doch lauern, um ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wer waren sie schon, dass sie es tatsächlich schafften, einem Land zu entkommen, in dem man sie wegen Mordes suchte? Mialis Zuversicht und Ruhe hatten seine Sorgen ein wenig beruhigt, doch er blieb wachsam, beobachtete die Menschen um sie herum, als wäre er wach genug, irgendeine Auffälligkeit früh genug zu erkennen.

Wach, das war er aber schon lange nicht mehr. Sie waren die Nacht hindurch gelaufen und weder die kurze Pause am Morgen, noch die Stunden, die sie bislang im Zug verbracht hatten, hatten für ihn Schlaf bedeutet. Er war zu unruhig, zu besorgt um die geringen Erfolgsaussichten, die sie trügerisch in Sicherheit wogen. Das monotone Rattern des Zuges hatte seine Gedanken zwar etwas träger gemacht, aber von Erholung war keine Spur. Vor allem, weil ihnen die nächste Grenze kurz bevorstand, bevor sie sich womöglich wirklich vorerst in Sicherheit waren. Versteckt hinter neuen Identitäten, die ihnen zumindest die Hoffnung vorgaukelten, dass sie neu anfangen könnten.

Während Rey sich bereits erschöpft in ihr Zugabteil zurückgezogen hatte, hatten Anahiel Dalvin und Anthony noch nicht ganz die Ruhe gehabt, sich wieder eingesperrt zu fühlen. Eine Weile hatte der Rothwell bei seinen Freunden gesessen, bis ihn die Unruhe wieder auf die Beine getrieben hatte. Er war unfassbar erschöpft und hoffte, dass ein bisschen Zeit für sich ein wenig Energie für Kopf und Geist zurückbringen würde. Zeit, die er nicht den Starken mimen musste. Zeit, die er unbeobachtet seinen Gedanken nachhängen konnte. So jedenfalls in der Theorie. Jadiya war nicht gewillt, ihn alleine ziehen zu lassen. Thony war teils froh darum, trauerte auf der anderen Seite allerdings auch der Einsamkeit hinterher, nach der er sich eigentlich gesehnt hatte. Immerhin ließ sie sich darauf ein, ihn nur in dematerialisiertem Zustand zu begleiten. Alles andere hätte ihn wohl verrückt gemacht vor Sorge. Langsam schlenderte er nun an den wenig besuchten Geschäften des Bahnhofgebäudes entlang und blieb bei einem kleinen Kiosk stehen, der ein paar Bücher ausgelegt hatte.

„Frag‘ mich das nochmal, wenn wir wirklich dort angekommen sind.“, murmelte Anthony leise der unsichtbaren Wölfin entgegen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Es tat ihm leid, dass er das ganze nicht positiver sehen konnte. Er war froh, dass sie zumindest seine Gedanken nicht fühlen konnte, denn die hätten ihr noch weitaus weniger gefallen. Anthony nahm eines der Bücher in die Hand und drehte es um, um den Text auf dem Buchrücken zu lesen, ohne wirklich daran interessiert zu sein.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir es bis hierher geschafft haben.“

Vielleicht sollte er sich daran festhalten, dass dieser Neuanfang immerhin nicht in einem Land stattfand, in dem er im Krieg gekämpft hatte. Außerdem sprach er wenigstens die Sprache – solange es sie nicht in den französischen Teil Kanadas verschlug. Aber das waren Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, mit denen er sich gerade nicht beschäftigen wollte. Plötzlich sah er auf, weil ihn ein wohlbekanntes Gefühl überkam, dessen Ursprung er nicht genau ausmachen konnte. Sein Magen drehte sich förmlich. Anahiel und Dalvin saßen in seinem Rücken – dieses Gefühl kam aus einer anderen Richtung.

„Spürst du das?“, fragte er die Wölfin an seiner Seite, ohne zu verbergen, dass er gar nicht so erfreut darüber war.


{ Jadiya (d) | Bahnhof | spürt einen anderen Katori }
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#4
Jadiya hielt sich nah bei dem Katori, war dadurch jedoch nicht weniger aufmerksam. Auf Dalvins Gedanken lauschte sie nur halbherzig, solange er relativ entspannt blieb. Ihr Partner unterhielt sich nur, und solange machte die Fähe es sich beinahe zur Pflicht, Anthony nicht allein zu lassen. Sie alle verdienten das Wissen, dass sie auch in solch einer Situation nicht allein waren. Auch, wenn es sich gewiss manchmal so anfühlte.
Anthony blieb stehen, betrachtete die Bücher in der Auslage eines Kiosks. Die Wölfin tat es ihm gleich, ließ den Blick aber in die andere Richtung schweifen, um die Umgebung im Auge zu behalten. Auch sie konnte nicht aus ihrer Haut und das, was hinter ihnen lag, war nicht spurlos an ihr vorbei gegangen. Das unwohle Gefühl blieb trotz allem, aber Jadiya war zuversichtlich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie wieder durchatmen konnten. Der Mann an ihrer Seite antwortete und die Fähe gab ein lautloses Seufzen von sich. Irgendwie hätte sie mit solch einer Antwort rechnen können. Sie gab ihm jedoch noch einen Moment Zeit, es fühlte sich immerhin so an, als wolle er noch etwas anfügen. Er nahm ein Buch zur Hand, sprach weiter. Und dies war einer dieser Momente, in denen Jadiya ihren Zustand verfluchte. Nicht fähig, ihn ihre Nähe spüren zu lassen. Trotzdem reckte die Wölfin die Nase in die Richtung seiner Hand, berührte sie sanft, auch wenn er diese Berührung nicht spüren würde.

„Du träumst nicht und bildest es dir auch nichts ein. Es wird alles gut, versprochen!“

Jadiya legte all ihre Zuversicht in den Ton ihrer Stimme, musste sich dafür nicht einmal anstrengen. Es war jetzt nicht einfach, aber sie alle würden das überstehen und daran wachsen, dessen war die Bunte sich sicher.
Die plötzliche Anspannung des Mannes lenkten die bunte Fähe jedoch ab, ließen sie den Blick noch einmal aufmerksamer werden. Ein altbekanntes Gefühl. Und zu gern wäre sie in ihrem richtigen Zustand dem Ganzen auf den Grund gegangen.

„Es sind zu viele Gerüche, ich kann nicht wirklich zuordnen, was woher kommt.“

Sie antwortete nicht direkt auf die Worte des Mannes, trat nur zwei kleine Schritte von ihm weg und sucht in der Umgebung nach irgendjemandem, von dem dieses Gefühl vielleicht ausgehen konnte.


[(d) | Anthony | Spürt Samuels Anwesenheit]
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#5
Samuel tappte mit seinem Schuh auf den Boden des Bahnsteigs. Es war, als würde er ein Lied direkt in seinem Kopf abspielen können und bewegte den Fuß im unhörbaren Rhythmus. Mit der rechten Hand hielt er eine Zigarette, setzte sie an die Lippen, atmete tief ein und stieß den Rauch aus. Der Zug Richtung Montreal würde erst in einer Stunde losfahren, genug Zeit also, um noch ein, zwei, vielleicht drei Zigaretten zu rauchen. Samuel war aufgrund seines Jobs überhaupt aus Inebury weggefahren. Er hatte eine Patientin des Krankenhauses, in dem er schon jahrelang arbeitete, in eine Spezialklinik in den USA begleitet. Die ältere Dame, Tessa Menton, war großherzig und sehr freundlich zu ihm gewesen. Er hatte ihren Koffer getragen, mit ihr im Zug erzählt und sie hatte ihm dafür Trinken und Essen bereitgestellt. Sie war nicht gemein zu ihm, wie gewisse andere Menschen, dass er eher einfach gestrickt ist und nicht gerade ein Philosoph ist. Nethaki, seine Partnerin, war die gesamte Zeit dematerialisiert, was sie sehr angestrengt hatte. 

Samuel schnippte den Zigarettenstummel auf die Gleise, schulterte seinen großen Rucksack und lief den Bahnsteig auf und ab. Gerne hätte er sich noch etwas Essbares besorgt, aber er musste sparen. Als Gehilfe eines Gehilfen erhielt er nur einen geringen Lohn. Er steckte seine Hand in seine ausgebeulte Hosentasche und fuhr mit den Fingern über einen rauen Edelstein - ein brauner Topas. Sanft lächelte der Hüne und drückte den Stein in seiner Tasche fest in seiner Faust. 

Er zog die nächste Zigarette aus einer Schachtel und zündete sie an. Als er sich umdrehte, weil ein anderer, einfahrender Zug an einem anderen Bahnsteig einfuhr, spürte er etwas. Es war ein anderer Katori. Verwundert drehte sich Samuel einige Male herum, konnte aber nicht eindeutig herausfinden, von wem aus die Aura ausgestrahlt wurde. 

"Dummkopf!", schimpfte Nethaki.

Samuel schaute sich weiter um, war sich aber nicht sicher, was er als nächstes tun sollte.

[Nethaki (d), spürt die anderen Katori / am Bahngleis]
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#6
Wie gerne hätte er ihr eine andere Antwort gegeben. Es war nicht das erste Mal seit ihrem Aufbruch, dass er darüber nachgedacht hatte, Jadiya zuliebe ihre ganze Situation einfach etwas zu beschönigen. Das Problem war, dass sich die Fähe weder mit einer positiven noch mit einer negativen Antwort zufrieden gegeben hätte. Sie wusste, wie es in ihnen aussah. Sie wusste, dass für Gefühle wie Freude oder Zuversicht gerade nicht mehr allzu viele Kapazitäten übrig waren. Und trotzdem ließ sie es sich nicht nehmen, immer und immer wieder Worte zu suchen, um ihnen die Last zu nehmen. Die Wölfin war Gold wert. Sie war so unheimlich stark, dass Thony sie vielleicht sogar noch eine Spur weit mehr bewundern musste als die vergangenen Wochen. Er hätte ihr so gerne etwas zurückgegeben, ihr gezeigt, dass ihre Mühe nicht umsonst war. Doch im Augenblick wäre es gelogen gewesen. Und Jadiya hätte das mit Leichtigkeit durchschaut. Dadurch, dass sie gerade kaum mehr als eine warme Präsenz in seiner Nähe war, konnte er nicht viel mehr tun, als ob ihrer Worte zu lächeln – schwach zwar, kaum merklich, doch zumindest gelang es ihm, den Zynismus von seinen Zügen fernzuhalten. Es wird alles gut. Wie oft hatte er diese Worte schon gehört? Damals, heute. Weiter ging es. Weiter ging es immer irgendwie. Immerhin waren sie keine Darsteller in irgendwelchen Märchen.
 
„Ich hoffe es.“, flüsterte er kaum hörbar, während sein Blick noch einen Moment über das Buch glitt.
 
So lange, bis etwas anderes seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Thony überlegte, ob es besser war, umzukehren, Dalvin und Anahiel Bescheid zu sagen und sich gemeinsam bei Rey in ihrem Zugabteil zu verschanzen. Jadiya schien die Anwesenheit eines weiteren Katori jedenfalls nicht ebenfalls nicht entgangen zu sein, was zwangsläufig bedeutete, dass er es sich nicht bloß eingebildet hatte, weil sie sich ohnehin verfolgt fühlten wie gejagte Tiere.
 
„Wir sollten zu den anderen zurück.“, überlegte Anthony laut, obwohl er gerne noch ein wenig Zeit für sich genossen hätte, bevor sie die nächsten Stunden wieder gemeinsam im Zug saßen. „Je weniger Aufsehen wir erregen, desto besser.“ Mal ganz davon ab, dass Thony gewiss nicht die beste Option war, um streunende Katori aufzusammeln. Seine Aura als Gefallener war bedrückend und mahnte zur Vorsicht. Das hatte er inzwischen oft genug festgestellt. „Außer, du willst unbedingt Kontakte knüpfen. Vielleicht können wir sie so von Dalvin und Anahiel fernhalten.“
 
Damit die beiden einfach etwas Ruhe hatten. Thony seufzte, als er das Buch zurück in die Auslage legte und sich umwandte, um seinen Blick über die Menge schweifen zu lassen. Wenn er diesen Katori spüren konnte, dann würde er ihn auch spüren. Und er würde die anderen zwangsläufig spüren können. Der Rothwell verstaute seine Hände in den Taschen seines Mantels und schlenderte angespannt und langsam zwischen den Menschen umher, um dem Gefühl weiter auf den Grund zu gehen. Schließlich blieb sein Blick an einem Mann hängen, der eindeutig älter war als er. Er schien sich nach irgendetwas umzusehen, doch je länger Thony den Blick hielt, desto sicherer war er sich, dass er nach ihnen suchte.
 
„Dort. Magst du, Prinzessin?“, informierte er Jadiya schließlich, obwohl er sich sicher war, dass sie ihn längst ausfindig gemacht hatte. Wenn sie den Kontakt aufnahm, war es am unauffälligsten. Immerhin konnten sich die Seelentiere miteinander unterhalten, ohne dass es irgendjemandem außer ihnen auffallen würde.


{ Jadiya (d) | Bahnhof | Sichtkontakt zu Samuel }
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#7
Jadiya haderte mit sich, ob sie ihren aktuellen Zustand beibehalten sollte. Es reichte ihr einfach nicht, die unsichtbare Nase nach dem Lockenkopf auszustrecken. Er hoffte es – und Jadiya war sich vollkommen sicher. Die Fähe verstand, dass ihr Partner und Anthony im Moment noch nicht wirklich sehen konnten, dass es wirklich besser werden würde. Aber sie hatte genug Optimismus für sie drei übrig. Und sie würde gewiss nicht faul werden, ihnen davon so viel entgegen zu schleudern, wie nur irgendwie möglich. Aber die Bunte beließ es dabei, konzentrierte sich mehr darauf, den fremden Katori zu finden. Kein Katori hatte ihnen etwas getan, trotzdem beschlich die Wölfin ein ungutes Gefühl. Misstrauen, ob nicht irgendjemand dahinter steckte, sie bewusst in die Richtung Gleichgesinnter führte.
Anthonys Worte ließen Jadiya den Blick herum wenden, zu Anahiel und Dalvin, die noch nichts davon wussten, dass hier ein weiterer Katori war. Der Mann an ihrer Seite hatte vermutlich Recht und Jadiya wäre gern zurück gegangen. Aber sie wusste auch, wie Dalvin reagieren würde. Er würde sich selbst überzeugen wollen, dass keine Gefahr bestand. Und wenn er dafür seinen Gehstock als Waffe hätte nutzen müssen.

„Das ist vielleicht besser, damit wir ihnen berichten können, dass alles in Ordnung ist.“

Kurz wandte sie den Blick zu Anthony herum, suchte dann aber selbst weiter nach demjenigen, von dem dieses Gefühl ausging. Gerade, als ihre Begleitung verkündete, das Ziel gefunden zu haben, erspähte auch Jadiya den Fremden. Er suchte etwas – und vermutlich wussten sie Beide, wonach er Ausschau hielt. Anstatt einer direkten Antwort auf die Worte des Mannes gab Jadiya nur ein leises Schnaufen von sich, bewegte sich langsam vorwärts. Jedoch nicht ohne noch ein paar Worte an Anthony zu richten, leise, nur für seine Ohren bestimmt.

„Wenn irgendetwas passiert, wirst du mich nicht davon abhalten können, mich zu materialisieren.“

Damit wandte sie sich wieder ab, überbrückte die Distanz zu dem Fremden. Er roch anders, aber sie konnte kein Tier entdecken.

„Hallo.“ Sie sprach leise, um keinen von Beiden zu verschrecken, ob seine Partnerin in seiner Tasche oder eben dematerialisiert war. Sie war nervös, getrieben von den Erlebnissen der letzten Wochen und dem Misstrauen, das ihr schon immer inne gewohnt hatte. „Falls ihr die sucht, von denen dieses Gefühl ausgeht. Da, in Richtung Buchstand.“

Mehr sagte die Wölfin erst einmal nicht, um die Reaktion des fremden Mannes abzuwarten. Jederzeit bereit, ihren Zustand aufzulösen.


[(d) | Bahnhof | Nähe Anthony | Direkt bei Samuel]
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#8
"Dreh dich um, verdammt noch mal!", zeterte Nethaki plötzlich. Die Braunbärin grummelte leicht, was letztendlich Samuel dazu brachte, Sichtkontakt aufzunehmen.

Der Hüne ließ seinen Blick ein letztes Mal über die Menschen auf dem Bahnsteig gleiten, bis ihm plötzlich ein junger Mann ansah. Er war auch nicht gerade klein, wenn auch kleiner als Samuel, aber es gab selten jemanden, der größer war als er selbst.
Samuel wusste nicht, was er tun sollte. Er war nicht besonders gut im Smalltalk, außerdem wäre es ihm sehr komisch und seltsam vorgekommen so zu tun, als würde er den anderen Mann kennen.

Samuel hatte schlussendlich eine Idee, wie er das Gespräch beginnen konnte.

"Magst du 'ne Kippe?", sagte er, während er sich dem Mann näherte. Er versuchte zu lächeln, ein schiefes Lächeln mit schiefen Zähnen.

Samuel selbst war sich sehr unsicher, was andere Katori betraf. Er hatte bisher nur sehr, sehr selten zu anderen Katori gehabt, dieses ganz materialisieren und "in Gedanken reden", war zu verwirrend für den Dummkopf.

"Der Lockenkopf ist auch einer?", fragte Nethaki dann noch einmal, obwohl sie die Antwort insgeheim schon wusste.

Der Bären-Katori schaute dann den Mann genauer an. Woher kamen er? Was hatten er vor?
Der Magen des Mannes rumorte, aufgeregt, unsicher. Er rümpfte die Nase und spuckte auf den Gleis, als könnte er damit auch seine Unsicherheit ausspucken.

[Nethaki (d) / redet Anthony an / am Bahnhof]
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#9
Jadiya meinte ihre Worte so ernst und entschlossen, wie sie sie sagte. Die Hände des Gefallenen verkrampften sich in seinen Taschen, weil er gar nicht hoffen brauchte, dass sie bei Vernunft bleiben würde, sollte wirklich etwas geschehen. Er war nicht wehrlos, aber die Nerven der Wölfin wohl noch mehr zum zerreißen gespannt als seine. Also blieb ihm nur, zu hoffen, dass nichts passieren würde, das die Partnerin seines Freundes dazu bringen würde, ihren sicheren, dematerialisierten Zustand aufzuheben. Ein bisschen lächerlich kam er sich zwischen all der Anspannung und dem unguten Gefühl in seinem Magen auch vor. Früher wäre die Anwesenheit eines anderen Katori ein Grund zur Freude gewesen. Gleichgesinnte. Jetzt rechneten sie hinter jeder Ecke mit einer Gefahr und ihrem Verderben. Wie schnell sich Dinge ändern konnten. Anthony war seit Faiths Tod nicht mehr so gesellig wie früher - seit der Angelegenheit in Angen hätte er sich am liebsten in einer einsamen Hütte zurückgezogen. War das gerade Verständnis für Lance, das er in all dem Gefühlschaos in seinem Inneren fand?

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als der Mann, den Jadiya und er ins Auge gefasst hatten, sich umwandte und auf ihn zukam. Er zwang sich dazu, einen normalen Atemzug zu nehmen und ein möglichst unverfängliches, freundliches Lächeln aufuzusetzen.

„Hm? Danke, nein.“, gab er zurück, als der Hüne ihn ansprach.

Er war groß und breit, doch etwas an ihm sagte Thony, dass er nie bei der Armee gewesen war. Vielleicht war es sein Auftreten, vielleicht auch einfach sein eigenes Bauchgefühl, das er über die Jahre bei der Army hatte trainieren können. Anthony lauschte nach Jadiya, weil sie ein Gespräch durchaus einfacher hätte führen können als er. Und meistens war das erste, was zwei Katori eben verband, das Katori-Sein. Im Grunde wollte Anthony die Aufmerksamkeit des Fremden ohnehin erstmal von seinen Freunden fernhalten. Wirklich erpicht auf ein ernsthaftes Gespräch war er gar nicht. Dazu kam ihm im Augenblick alles zu sinnlos vor.

„Ich war einer, ja.“, entgegnete Anthony leise auf die Worte der Seelenpartnerin des Mannes hin, um Fragen ob seiner Aura als Gefallenen vorzubeugen. Das hier war nicht zwingend der Ort, an dem er darüber reden wollte. „Meine Freundin und ich sind auf der Durchreise.“

Ein Außenstehender, der sie belauschte, wäre wohl davon ausgegangen, dass er von seiner Freundin redete, aber in Wahrheit - und er ging davon aus, dass das auch dem Katori vor ihm bewusst war - redete er von Jadiya.

„Ihr seid von hier?“

Unverfänglich. Früher oder später würde er sich einfach damit entschuldigen können, dass ihr Zug bald losfuhr und sie ihre Plätze einnehmen mussten. Für den Anfang allerdings wirkte der Fremde nicht, als würde von ihm eine Gefahr ausgehen. Ob sich diese Paranoia wohl je wieder legen würde?


{ Jadiya (d), Samuel, Nethaki (d) | Bahnhof }
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#10
Jadiya traute dieser ganzen Situation nicht. Es schmerzte die bunte Fähe selbst, dass ihr Misstrauen in der letzten Zeit noch einmal zugelegt hatte. Aber die vergangenen Wochen waren nicht spurlos an ihr vorbei gegangen. Aber natürlich mussten sie hier einen fremden Katori treffen. Dalvin wusste nach wie vor nichts und solange keine Gefahr bestand, würde ihr Partner auch nichts erfahren. In diesem Moment bedauerte die Fähe es nur, nicht mit Anthony allein sprechen zu können. Sie musste ihn dringend davon überzeugen, dass das eine hervorragende Idee war.
Der Fremde Mann wandte sich an den Gefallenen, reagierte aber nicht auf Jadiyas Worte, was ihr in normalem Zustand ein leises Brummen entlockt hätte. So musterte sie nur den Mann, versuchte noch immer heraus zu finden, wonach er roch, um seinen Begleiter einordnen zu können. Er bot Anthony währenddessen eine Zigarette an, die der Lockenkopf ablehnte. Jadiya blieb noch einen Moment unschlüssig, ehe sie sich wieder neben ihren Freund bewegte, versuchte, ihn spüren zu lassen, dass sie bei ihm war. Gott, wie sie es hasste, so untätig in diesem Zustand sein zu müssen. So nützlich das Ganze auch war, aber… in solchen Momenten schien es mehr nervig als nützlich. Die Frage, die von der Gestalt ohne Form kam, ließ Jadiya lautlos seufzen. Sie wusste um den Schmerz in Anthonys Brust, den Faiths Verlust zurück gelassen hatte. Und so mit der Nase darauf gestoßen zu werden… das verletzte. Genau wie bei Dalvin, wenn jemand seine verstorbene Frau ohne Zurückhaltung ansprach.

„Ihr saht aus, als würdet ihr Jemanden suchen. Galt das uns oder wartet ihr auf jemand anderen?“

Ihr Blick huschte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Zu Dalvin und Anahiel, die nichts ahnten, nichts mitbekamen. Sie waren weit genug weg, ansonsten wäre der Ire sicher schon mit seinem Stock aufgesprungen und unterwegs in ihre Richtung.

„Unser Zug geht bald, wir haben also etwas Zeitdruck.“

Eine Chance für Anthony, wenn er dieser Situation entkommen wollte. Er konnte immer verkünden, dass ihr Zug abfuhr und sie sich beeilen mussten.


[(d) | Bahnhof | Nähe Anthony | Direkt bei Samuel]
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