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Es ist: 20.06.2024, 16:18


[Prolog] Flucht ins Ungewisse
#21
Es war Vincents Eigenverschulden, dass er durch die fehlende Kontrolle über sein Mundwerk vom stillen Beobachter zum Beobachteten geworden war. Auf eine gewisse Art und Weise war auch Korah daran schuld. Nicht nur, dass sie ihn so plötzlich überrumpelt hatte, auch weil sie sich verbal eingemischt hatte. Doch sie war unsichtbar, während Vincent nun die Aufmerksamkeit von zwei unbekannten Menschen hatte. Zwei fremde Augenpaare, die ihn überrascht, neugierig – skeptisch? – anstarrten und in ihm einen kurzen Impuls der Panik erzeugten. Wie oft hatte Korah ihm in ihrem „Einmaleins der Katori“ gesagt, dass das Aufeinandertreffen mit seinesgleichen ein positives Gefühl in ihm auslösen würde? Eine abstrakte Art von Zugehörigkeit, ein Gefühl von nach Hause kehren.
Dieses Gefühl hatte er bei Baldur Hellissand allerdings nicht gehabt. Er hatte es auch jetzt nicht, obwohl Korahs Euphorie geradezu elektrisierend durch seine Gedanken schoss.

Die Körpersprache des jungen Mannes, der sich eben noch bei dem anderen Mann als William vorgestellt hatte, war nicht so ablehnend wie Vincent es mit seinem trügerischen Bauchgefühl erwartet hätte. Das Lächeln schien ehrlich und die Worte freundlich. Er war so offen, wie man es als Reaktion auf ein ungefragtes Einmischen erwarten konnte. Doch was Vincents Skepsis eher aufsog wie ein Schwamm war Korahs Freude. Ihre Intuition war sein bester Kompass.

“Das scheint es wirklich. Ohhh, es ist so schön, dass wir euch hier begegnen. Der Tag fing so trist an und nun eine so schöne Überraschung!“

Wenn der Professor das hört, wird er ganz aus dem Häuschen sein. Ich möchte es ihm sagen, bitte bitte bitte, jahaa? - Nein, besser noch, wir stellen sie ihm vor, los los!“


Korahs Stimme wiegelte sich mit jeder Silbe immer weiter nach oben, bis sie wahrlich wie ein aufgeregt zeterndes  Federtier klang. Doktor Hellissand würde einen Freudentanz aufführen.
Er war am Abend zuvor so aufgebracht gewesen und Korah hätte ihn gerne mehr getröstet, als Vincent mit seiner zurückhaltenden Art zugelassen hatte. Es schien, als hätte er einen Freund gebraucht, um seinem Frust Luft zu machen, doch Vincent war der Ansicht gewesen, dass sie seinem Vorgesetzten Ruhe geben sollten. Damit er eine Würde bewahren konnte, hatte er es genannt. Papperlapapp. Ihr Seelenpartner musste noch so viel lernen, was Freundschaften anging.


Vincent räusperte sich mit einem raschen Blick auf etwaige Menschen um die kleine Gruppe herum, doch niemand der wenigen Reisenden um sie herum schien ihnen Beachtung zu schenken.

Korah, bitte sei leiser. Wir hatten eine Abmachung, schon vergessen? Und ich kann den Professor nicht mit wildfremden Leuten belästigen, auch wenn sie Katori sein mögen.

Auch wenn Korah diesen Katori sofort vertrauen wollte, war zunächst Vorsicht geboten. Vincent zögerte kurz, dann fügte er in Gedanken hinzu:

Sie wirken nicht bedrohlich, aber ich spüre merkwürdige Schwingungen von diesem William. Du auch?
Er scheint nicht gefährlich. Menschen wie er wurden in meinem Nest als die Verlorenen, die Gefallenen bezeichnet. Ich werde es dir später erklären.

Die Antwort war nicht zufriedenstellend und zeigte einmal mehr, wie wenig Vincent von der Welt der Katori war. Wie lange er diesen Teil seiner selbst nicht gekannt hatte, nicht gewusst hatte, dass es da draußen noch andere gab. Aber er musste seiner kleinen Freundin zustimmen, in Anwesenheit dieser neuen Gesichter war nicht die Zeit für lange Erklärungen. Dennoch... verloren... gefallen. Die Worte passten zu der schwere Aura, die von dem Lockenkopf ausging.

“Entschuldigt, Kor…- ich meine, ich habe mich einfach in Ihr Gespräch eingemischt.“, erwiderte er mit einem entschuldigenden Lächeln. “Ich hatte nicht damit gerechnet, weitere… Gleichgesinnte zu treffen.“

Er hielt es für angemessen, sich im gleichen Atemzug vorzustellen, doch soweit kam es nicht. Eine Stimme, die zu keinem der Männer gehörte und ähnlich wie Korah aus dem Nichts zu kommen schien, mischte sich ein. Ein nach wie vor surreales Erlebnis. Korah war eine vertraute Komponente in seinen Gedanken. An Tiamats gelegentliche Worte hatte er sich noch nicht gewöhnen können. Und nun eine weitere Stimme… er musste einige Male blinzeln, bis er die Worte dahinter prozessieren konnte. Korah wirkte quengelig -  doch sie blieb still, wollte diesmal ihm das Sprechen überlassen.

“Meine Begleitung und ich sind auf unserem Weg nach Inebury, das ist richtig.“, sein Tonfall war zögerlich, der Blick huschte zwischen William und dem noch namenlosen Mann hin und her. “Ihr etwa auch?“

Er hatte in den Monaten, die er schon in Inebury lebte, keine anderen Katori bis auf Baldur kennengelernt. Die Stimme meldete sich erneut, allerdings nur mit dem Namen des Gegenübers. Vincent runzelte die Stirn, dann weiteten sich seine Augen, sein Blick fiel nach unten, an der Seite des angesprochenen Mannes lugte eine Nase hervor, die zu einem hunde-, nein wolfsähnlichen Tier gehörte. Vincents Atem stockte und er spürte förmlich, wie schnell Korahs kleines Herz schlug, als sie nun auch das Tier hinter der Stimme erkannte. Oder lag es gar nicht an der materialisierten Wölfin? Korahs Stille war beunruhigend, als würde sie etwas bemerken, das ihm verborgen blieb. Wäre es gefährlich, hätte sie ihn bereits alarmiert, also schien sie es noch nicht einschätzen zu können. Er blickte zu William, dann zu dem zweiten Katori und zurück zu der Wölfin, die ihn anblickte.

“Ist alles in Ordnung?“

, fragte er mit gesenkter Stimme und warf einen Blick in Richtung Bahnsteig, an dem er Baldur zurückgelassen hatte. Er konnte keinen Tumult dort erkennen, doch so langsam bereute er es, sich von der einzigen Person getrennt zu haben, die er an diesem Ort kannte.

[Bahnhof | Korah(d), Anthony, Jadiya, Samuel & Nethaki (d)]
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#22
Du sabberst.
Reylan schreckte aus dem Schlaf hoch, als hätte neben ihr jemand eine Kanone gezündet. Ihr Kopf sackte an der Scheibe nach unten, an die er gesunken war, als sie wegdöste, und in dem instinktiven Bestreben, nicht mit dem Gesicht auf dem Tischchen zu landen, das unmittelbar vor ihr aus der Wagonwand herausragte, stieß sie sich die Schläfe an der Klemme, die den schmuddeligen, ehemals roten Vorhang zurückhielt, der das Abteil zierte.
Ihr entwich ein deftiger, undamenhafter Fluch, bevor die grünbraunen Augen denjenigen suchten und fanden, der für den Schmerz in ihrem Kopf verantwortlich war. Kiewa lag halb eingerollt auf dem Sitz neben ihr, sah zu seiner Partnerin auf und öffnete den Unterkiefer zu einem schäbig-füchsigen Lachen. In dem bernsteinfarbenen Blick des Polarfuchses blitzte der Schalk.
Trotzdem – nur zur Sicherheit – wischte sich Rey mit dem Handrücken über beide Mundwinkel, um ganz wie vermutet festzustellen, dass da nichts war.

Du verlauster kleiner Wischmopp!“,

knurrte sie, ohne große Überzeugung in ihrer Stimme. Denn insgeheim war sie Kiewa dankbar für die Störung. Sie hatte geträumt. Geträumt von den Dingen, die hinter ihnen lagen. Und das so lebensecht, so realistisch, als hätte ihr Verstand diesen Detailreichtum gebraucht, um die vergangenen Ereignisse überhaupt greifen oder gar verarbeiten zu können.
Danke, aber nein danke. Sie hatte das alles bereits ein Mal erlebt. Auf eine zweite Runde konnte sie getrost verzichten. Auch wenn sie den Schlaf gebraucht hätte.
Mit der Rechten über ihre dumpf stechende Schläfe reibend zog die junge Katori mit der Linken eine Taschenuhr aus der Rocktasche und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass kaum 20 Minuten vergangen waren, seit sie auf ihrem Sitz eine halbwegs bequeme Position gesucht und die Augen geschlossen hatte.
Es hatte sich länger angefühlt.
Reylan schob die Uhr zurück in die Rocktasche, streichelte Kiewa sanft über den weichen Kopf und erhob sich dann mit einem müden Seufzen.

Ich schau mal, wo die anderen sich rumtreiben. Vielleicht spendiert Dalvin mir noch ein kaltes Abendessen, bevor wir losfahren. Willst du mitkommen?

Kiewa sah sie einen Moment an und gähnte dann demonstrativ. Die selbst gebastelte Steuermarke an dem eleganten, geflochtenen Halsband, das seinen flauschigen Kragen zierte, klimperte dabei ein wenig. Dann rollte er sich auf dem Sitz zusammen und legte den flauschigen Schwanz über seine Schnauze, sodass sein Gesicht vollständig dahinter verschwand.

Ich passe auf das Gepäck auf, wenn du nichts dagegen hast.

Rey verkniff sich ein Schmunzeln, zog ihren Strickblazer vom Haken und deckte den Fuchs damit zu. Er brummte in ihren Gedanken zufrieden und die junge Frau schob sich an ihm vorbei, um ihn ausruhen zu lassen. Schön, wenn wenigstens er schlafen konnte.
Sie zog die Abteiltür auf, schlüpfte hinaus und schloss sie hinter sich, bevor sie sich zielstrebig auf den Weg zu einer der Zugtüren machte. Das unbestimmte Gefühl, das sie derweil am Rande ihres Bewusstseins beschlich, bemerkte sie zunächst nicht. Schob es, wenn überhaupt, auf Überanstrengung, Schlafmangel und eine gesunde Prise Verfolgungswahn.
Und wieder kehrten ihre Gedanken zu den vergangenen Tagen zurück, zu einem anhaltenden Katz-und-Maus-Spiel, zu Pistolenschüssen und dem tiefen Brummen der Hubschrauber, das sie auch jetzt wieder zu hören glaubte. Beim großen Katori, sie brauchte wirklich dringend ein bisschen mehr Schlaf.
Abgelenkt von dem, was ihr im Kopf herumspukte, prallte die junge Frau im nächsten Moment in eine hochgewachsene Gestalt, noch bevor sie überhaupt auf den Bahnsteig hinausgetreten war. Sie stolperte zurück, gab ein erschrockenes Geräusch von sich und hielt sich reflexartig an dem Geländer fest, das die Stufen hinunterführte. Gerade so hielt sie ihr Gleichgewicht und sah mit einem deutlich schnelleren Herzschlag, als sie zugeben wollte, hinab auf die Person, die sie in ihrer Unaufmerksamkeit beinahe von den Füßen geholt hatte. Fremdländische Züge, Brille, ein stinklangweiliger Anzug und ein etwas vertrottelter Gesichtsausdruck. Alles in allem niemand, in dessen Adern Soldatenblut floss. Nicht mal in zivil. Vermutlich.
Reylan fing sich wieder, atmete für einen Augenblick tief ein, um ihr nervöses Herz zu beruhigen. Die letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen. Wurde Zeit, dass selbst sie es einsah.

Nicht der Rede wert, ich hätte selbst besser aufpassen müssen.“ Ein freundliches Lächeln legte sich auf ihre Züge, dann fuhr sie fort und wies dabei mit der Hand in Richtung Dampflock. „Die dritte Klasse ist noch einige Wagons weiter vorn, wenn Sie danach suchen.

Dann hielt sie plötzlich inne und hob kaum merklich eine Braue. Moment. Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann ihr gegenüber nicht. Da war dieses Gefühl, dieses unbestimmte. Nur jetzt konnte sie es bestimmen.

Oh, hm“, machte sie wenig geistreich. Sie hatte noch nie einen Katori getroffen, der nicht aus dem Westen stammte. Sie hatte ehrlich gesagt nicht einmal darüber nachgedacht, ob es auch Chinesen mit tierischen Begleitern gab. Oder Afrikaner? Und war es wirklich das, worüber sie jetzt nachdenken sollte?

[New Yorker Bahnhof | erst im Abteil, dann an einer Zugtür | Taemin & Sibéri]
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#23
Samuel atmete tief ein. Das der ihm fremde Mann so nett und zuvorkommend war, war der Hüne nicht gewohnt. Service - so konnte man es nennen. Oder auch: er war zu blöd für alle anderen Aufgaben, weswegen er die Lady begleiten musste, wenn er nicht gefeuert werden wollte.

"Da-Danke!", stieß er letztendlich aus. "Die Dame, Mrs. Dawson, die hatte wohl irgendwas mit'm Herzen, so genau weiß ich das nicht, aber hi-hi-hier scheint ein Doc zu sein, ein echter Profi, hat wohl so ne neue Methode entdeckt, wo man halt das Herz behandeln kann..." 
Samuel war kurz davor weiter zu plaudern über die Dame, die er begleitet hatte - bis ihm die Worte eines Arztes in den Kopf kamen: "EVANS! Wenn du wieder über die Patienten redest, dann Gnade dir Gott, dass ich es nicht herausbekomme!"

Er schluckte. Die Worte des Arztes hallten in seinem Schädel und er spürte, wie er unruhig wurde. Doch der Mann stellte sich ihm nun vor, was Samuel ein wenig ablenkte.

"William - kannte mal einen in der Klinik, der war..." und in seinem Schädel echote es wieder! "Sorry!"

Stell dich nicht so dumm an, meine Güte!, zeterte Nethaki. Die Bärin ließ ein leises Geräusch aus ihrer Kehle grummeln.

Samuel wollte weiter mit William sprechen - bis er unterbrochen wurde. Ein junger Mann näherte sich ihnen und sprach eine Entschuldigung aus. Dann krächzte sein Seelentier, dass auch er ein Katori war. Seine Augen weiteten sich und Nethaki brummelte erneut kurz.

"Richtig, Vogelvieh!", sagte die Bärin mit tiefer Stimme.

William reagierte auch auf den anderen Mann. Knotenpunkt - guter Ausdruck für diesen Zufall. "Bin auch aus Inebury, hatte hier wegen Arbeit und so zu tun", erklärte sich Samuel. Ihm fiel es schwer, sich zu konzentrieren, wenn hier so viele waren: Menschen und insbesondere Katori. Und deren Seelentiere - ein Konzept, welches Samuel noch nicht ganz verstanden hatte.

[Bahnhof | "William" (Anthony). Jadiya, Vincent, Korah (d), Nethaki (d)| Gegen Ende materialisiert]
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